top of page

Stadien einer Krebserkrankung

Fuck














Wie surreal doch diese drei Worte sind. Das passiert jetzt nicht wirklich… tönt es in meinem Kopf. Ich hab mich wohl verhört… sichert mir meine innere Stimme zu. Doch die Situation, in der ich mich befinde - auf dem Schragen der Radiologin, die mit Sicherheit sagen kann, dass es sich bei den Wucherungen um Krebs handelt, das grelle kalte Licht, das es nur in Arztpraxen gibt - schreit mich regelrecht an: ES IST WAHR! DAS IST GERADE DEINE REALITÄT! DAS PASSIERT JETZT WIRKLICH! Der Schock der ersten Sekunden macht Platz für die Angst.


















„Veränderung der Gestalt, Anpassen an die neue Umgebung, Loslassen alter Gewohnheiten. Verwandeln. Eine physische Metamorphose gibt es beim Menschen nicht. Kurzfristig schon. Die äusserliche Verwandlung läutet dann aber die eigentliche und auch beim Menschen bekannte „persönliche Entwicklung“ ein.“

Ohne Haare lässt es sich besser eine neue Identität finden. Denn das alte ICH scheint in weiter Ferne. Es gibt kein Zurück mehr. Aber sein wahres ICH zu finden ist so viel einfacher. Wenn die Sicht nicht mehr von Haaren verdeckt wird.












Durch das Liegen nehme ich eine neue Perspektive ein. Ich erkenne, wie die Unterseite der Blätter am Feigenstrauch in verschiedenen Grüntönen leuchten, wenn die Sonne drauf scheint. Dort, wo sich die Blätter überlappen, ist das Grün kräftig, an anderer Stelle leuchten die Blätter gelb und warm, wie ein Lampenschirm. Flecken an der Decke im Wohnzimmer vom zu hohen Weihnachtsbaum bleiben nicht mehr ungesehen.

Wenn man die meiste Zeit des Tages im Liegen verbringt, kommen bisher nie beachtete Ecken zum Vorschein. Sowohl in der Stube, als auch im Herzen.















Ich habe kein Ideal mehr im Kopf, mit dem ich meinen Körper vergleiche. Ich versuche meine Narben, meine „Nicht-mehr-Stellen“, anzunehmen und nicht mehr dessen Anblick auszuweichen. Die Daseinsberechtigung meines Körpers soll sich nicht aus seiner Schönheit oder Fehlerlosigkeit ergeben. Mein Körper ist da und ist so, wie er ist. Mit seinen Fehlfunktionen. Störungen. Widerständen. Veränderungen. Und für all das möchte ich ihn lieben, ohne ihn zu bewerten.


Mehtap, Mitglied von TAVOLA ROSA BASEL, Januar 2026

 
 
 

Kommentare


bottom of page