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WOW! Wir feiern das Leben

Ich tanze mit Elisabeth. Ich bin 43, sie 72. Das Alter aber spielt heute keine Rolle. In ihrem eleganten Zweiteiler, dem langen Rock und der Knopfbluse aus weich schimmernder, hellrosa Seide schenkt sie mir die Erinnerung an glückliche Stunden mit meiner Grossmutter. Wir tanzen Discofox. Unsere rosa Kleider wirbeln im Tanz. In diesem Moment vergesse ich fast, dass ich krank bin. Fast fühlt es sich an wie früher. Fast. Denn nichts ist wie früher. Früher, vor meiner Erkrankung. Und doch ist wieder Schönes in meinem Leben. Zeitlos im Tanz zum Beispiel ist Leben wunderschön.


Um Schönes geht es an diesem Abend, echte Schönheit ist dort, wo wir den Mut haben, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind“, wie die Fotografin Sandra Heim es so treffend in ihrer Rede sagt. Und Schönes hat es reichlich am Event von TAVOLA ROSA BASEL, dem Selbsthilfe-Verein von und für Frauen mit Brustkrebs. Denn LA TAVOLATA wird ihrem Motto „Wir essen zusammen – und feiern Schönheit, Mut und das Leben“ in jeder Hinsicht gerecht.


Schon beim Eintreffen vielfältige Schönheit: Alle, Betroffene und Mit-Betroffene, sind dem Dresscode „something, all pink“ gefolgt. Den Ankommenden bietet sich so ein farbenfrohes Bild verschiedenster Rosatöne: Vom knallpinken Cocktail-Kleid über ein zartrosa Glitzer-Pailletten-Kleid bis hin zu geblümten Kleidern oder pinken Chucks mit farblich passender Lederjacke und Mini-Jupe ist alles dabei. Ein Spiegel unserer schönen Vielfalt, denn Brustkrebs bringt Frauen aus den unterschiedlichsten Berufen, Altern, Stilen und sozialen Schichten zusammen. Wenn es auch so viel Leid mit sich bringt, ist dies ein schöner Aspekt, finde ich: diese Vielfalt an Menschen unter einer Farbe, die Einheit und die Einzigartigkeit jeder von uns. Jede auf ganz eigene Art, wie wir alle verschieden sind, in schöner Vielfältigkeit, geeint durch dasselbe Schicksal. Alle in Pink. Alle schön. 

 

Dann der erste Blick in das Restaurant „Schmatz“: mit den liebevoll dekorierten Tafeltischen, dazwischen zahlreiche miteinander sprechende Gäste — fast wie ein Frühlingsbeet von rosa Tulpen in allen erdenklichen Nuancen. Es ist schön und die Location ist perfekt.


Viele von uns sind heute mit ihren Partnern, Freunden oder Familien gekommen. Ich bin allein. Das hat mich Mut gekostet. Ich kenne zwar die anderen Frauen …, und doch. Aber ich weiss, bei TAVOLA ROSA wird man immer herzlich und mit offenen Armen aufgenommen. So wird es leichter, allein zu kommen, und bald bin ich in Gespräche verwickelt. Hier werde ich verstanden, wie ich sonst als Brustkrebs-Betroffene vielleicht nicht verstanden werden kann. „Man versucht alles, was geht, zu unterstützen, und doch scheint die Tavola Rosa meiner Frau etwas geben zu können, was ich ihr nicht geben kann“, sagt mir am Tisch ein Mann, der seine Frau begleitet und den ich an diesem Abend das erste Mal spreche. Brustkrebs kann eben auch ein Herzensöffner sein: Plötzlich führt man tiefe Gespräche über wirklich wichtige Dinge mit Menschen, die man vielleicht nie zuvor gesprochen hat. Es entsteht so eine ganz spezielle Vertrautheit. Vielleicht durch das gemeinsame Schicksal? In jedem Fall ist TAVOLA ROSA BASEL für mich ein Ort, an dem ich mich weniger allein und der Krankheit ausgeliefert fühle. Ein Ort, an dem ich mich wohl- und verstanden fühle. Ein Ort, an dem wir gemeinsam lachen, reden und es guthaben.


Manche sagen, dass sie das Thema auch betrifft, schwer betroffen macht, weil das Leben kurz und grausam sein kann. Sie denken, wir feiern heute die Katastrophe. Aber so ist das nicht. Ganz und gar nicht. Denn wir, wir feiern das Leben. Uns. Unsere Gemeinschaft. Unsere Schönheit. Unsere Stärke. Unsere Verbundenheit. Unseren Mut.


Viele von uns — oder zumindest ich — leben nach oder während der Therapien mit begrenzter Energie. Ich werde bezahlen, wenn ich heute ein paar Stunden in den Ausgang feiern gehe, auch wenn ich nur Wasser trinke, vielleicht mit tagelanger bleierner fatigue, die mich nicht aus dem Bett kommen lässt. Und keiner, der es nicht erlebt hat, kann das verstehen.


Daher haben wir keine Zeit mehr zu verschenken. Als unsere DJ Illa ihre Playlist startet, ist die Tanzfläche binnen zwei Minuten voll ausgelassener Tänzerinnen und Tänzer. Wir machen Party. Wir warten nicht an den Tischen mit Tanzlust in den Beinen, ohne uns zu trauen, auf der leeren Tanzfläche loszulegen. Wir nutzen den Moment. Wir haben Mut, zu tun, was uns gefällt. Jetzt. Gleich sofort. Ich werde alles tun, solange ich es kann. Weil ich es jetzt gerade kann. Es ist mir egal, was andere denken könnten, ob sie die Kameras auf uns halten, denn wir sind durch ganz anderes hindurchgegangen.


Das Essen ist ebenfalls sehr fein und auch sehr gut gedacht. Denn es gibt ein Drei-Gänge-Menu, Flying Dinner, in kleinen Schälchen. So kann man, je nach Geschmack oder Therapie nur das nehmen, was man essen kann oder will. 


Der eigentliche Höhepunkt des Abends ist aber die Modenschau. Sechs von Brustkrebs betroffenen Frauen hat Couture Ateliers Kleider auf den Leib geschneidert. Sechs Frauen, deren erster Beruf nicht das Modeln ist, von Visagisten und Coiffeur ehrenamtlich perfekt geschminkt und frisiert, trauen sich, vor den rund 120 Gästen, zudem vor zwei Kamerateams und einer Fotografin, auf hohen Schuhen aus dem oberen Geschoss die steile und lange Treppe in den Speisesaal hinab. Wie viel Mut braucht es dafür? Und erst dafür, auf der Treppe ein grosse Blüte vom Kleid zu lösen und sich in einem wie für eine Amazone geschnittenen Kleid zu präsentieren? Mir steigen die Tränen in die Augen. Ein unglaubliches Wunder, nach den Strapazen der Krebs-Therapie. Alle sechs strahlend schön. Ich bin ihnen so dankbar, denn sie haben mir und uns allen neuen Mut gegeben. Ich denke: Eigentlich gibt es keinen Grund, nicht einfach Kleider für Amazonen zu schneidern und sie zu tragen. Weil wir mutig sind. Alle von uns. Weil wir schön sind. 

  

Schön sind auch Sandra Heims Fotos vom Shooting „Strahlend. Sichtbar. Schön“. Als grosse Karten sind die Bilder von ganz verschiedenen Brustkrebs-betroffenen Brüsten ausgelegt. Wie in der japanischen Kintsugi-Technik, die Risse in zersprungenem Porzellan mit Goldleim veredelt und so repariert, zeigen diese ästhetischen Fotos Schönheit mit Brustkrebs: wie es nach der Operation aussehen kann und dass eine neue Schönheit entstehen kann. Der Mut, die eigenen Brüste nach der Operation auszustellen, auf Postkarten, die fremde Gäste mit nach Hause nehmen können, ist, wie ich finde, gross. Die Hoffnung dahinter ist, ein Tabu brechen zu helfen. Denn wer weiss schon, wie Brüste nach Brustkrebs-Operationen aussehen? Solche Aufnahmen sind für mich vor meiner OP wichtig gewesen. Sie sind wichtig für Menschen, die sich einer solchen OP unterziehen müssen. Sie zeigen, wie es aussehen kann und wie schön es werden kann: Wir sind schön. Noch schön. Anders schön. Neu schön. Sandras Shooting hat mich mit meinem neuen Körper auf eine Weise versöhnt, die ich nicht erhofft hatte: Ich finde mich wieder schön.


Tavola Rosa Basel  will an LA TAVOLATA Tabus brechen. Der Verein möchte zeigen, dass wir da sind, dass wir viele sind, dass wir schön sind, genauso, wie wir sind. Wir wünschen, auch das Tabu zu brechen, über Brustkrebs nicht zu sprechen. Barbara Kunderts Appell „Sprecht mit uns, fragt uns, wir sind da, wir sind viele“, kann ich aus vollem Herzen unterstützen. Niemand sollte allein durch diese Krankheit gehen müssen. Denn in der Gemeinschaft liegt eine grosse Kraft. LA TAVOLATA zeigt beispielhaft, was für uns alles möglich ist. LA TAVOLATA ist ein ehrenamtlich, mit viel Herzblut organisierter, rundum gelungener Event.


Lisa, 43 Jahre, Mitglied von TAVOLA ROSA BASEL

 
 
 

2 Kommentare


mechthild
02. Mai

Danke für den anrührenden, lieben Bericht, liebe Lisa! Danke und allen weiter viiiiel Kraft und Mut und Zuversicht!

Von Herzen, Mechthild aus Heidelberg

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Liebe Lisa,

es war so schön, mit Dir zu tanzen. Danke dafür, dass Du mich um 10 Jahre jünger gemacht hast (ich bin bereits 82 Jahre alt!). Vielen Dank auch für Deinen berührenden Bericht von Tavolata.

Elisabeth☺️


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